Aktive Medienarbeit bei Spielratz e.V.

Medienprojekte bei Spielratz e.V. – Ein Rückblick

Medienpädagogische Projekte haben bei Spielratz e.V. eine lange Tradition. Schon in den 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde Medienarbeit gemacht. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts initiierten dann wiederum Ehrenamtliche des Vereins das Projekt Filmratz on Tour, die Radioratz´n oder die Kooperationsprojekte mit dem Bayerischen Rundfunk „Ohren auf“ bzw. „Stadttest“, welche mehrere Jahre in Folge durchgeführt wurden. Nach einer mehrjährigen Pause führt Spielratz e.V. seit 2009 wieder vermehrt medienpädagogische Projekte wie Filmratz on Tour und Radioratz durch. Diese erfreuen sich bei den Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Betreuer/innen großer Beliebtheit.
2011 bekamen diese beiden Projekte zudem Zuwachs. Zum ersten Mal fand Fotoratz statt!!! Dabei erkunden die Kinder mit Kameras ihre Umgebung, machen Ausflüge in und um München und erstellen ein eigenes Fotobuch mit ihren besten Schnappschüssen.

Was verstehen wir unter Medienpädagogik?

In Anlehnung an Bernward Hoffmann verstehen wir unter Medienpädagogik einen Bereich von Pädagogik, bei dem es – entweder theoretisch oder praktisch - um Lernprozesse von Menschen in Bezug auf Medien geht. Dazu zählen auf theoretischer Ebene beispielsweise Forschungen und Studien zur Fernsehnutzung von Kindern. Die Gestaltung einer Zeitung sowie die Produktion einer Radiosendung oder eines Films (wie bei Radio-, bzw. Filmratz) in einem pädagogischen Kontext sind Beispiele für medienpädagogische Praxis.

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Pädagogische Zielsetzungen bei den Medienprojekten

Wichtige Ziele aller Ferienprojekte bei Spielratz e.V. sind „Ferien als Urlaub vom Alltag“, Partizipation, Selbstbestimmung, Integration und Inklusion, Stärkung von Mädchen und Jungen und die Förderung von interkultureller Kompetenz. Diese Ziele speisen sich aus mehreren Bezugsquellen:
•    UN-Konvention über die Rechte von Kindern
•    Kinder- und Jugendhilfegesetz der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere § 11
•    Leitlinien der Landeshauptstadt München
•    Leitbild von Spielratz e.V.

Bei den Medienprojekten von Spielratz e.V. wird zusätzlich auf das Ziel „Erwerb und Förderung von Medienkompetenz“ hingearbeitet. Der Begriff Medienkompetenz wurde entscheidend von Dieter Baacke geprägt. Er unterscheidet zwischen vier Dimensionen: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung. Was Baacke darunter versteht, soll im Folgenden kurz dargestellt werden und mit einigen Beispielen aus unseren Filmratz-Freizeiten veranschaulicht werden:

Der Begriff der Medienkunde beinhaltet zum einen das grundlegende Wissen um die Bedienung technischer Geräte, zum anderen das Wissen um die Gestaltungsmittel von medialen Produktionen (Effekte, Kamerapositionen, Dramaturgie). Außerdem bedeutet es, über Wissen zu den verschiedenen Programmen und Angeboten sowie den strukturellen Bedingungen der Medienlandschaft zu verfügen.
Beispiele bei Filmratz on Tour:
•   Die Kinder erlernen den Umgang mit der Technik (Videokamera, Schnittprogramm, Tonequipment, …)
•  Die Kinder erwerben bei einem einführenden Stationenparcours und durch eigene Erfahrungen beim Filmdreh Wissen um mediale Gestaltungsmittel (Einstellungsgrößen, Perspektiven, Wirkung von Licht und Musik)
•    Die Kinder arbeiten sich in ein bestimmtes Filmgenre und dessen Machart ein, wandeln dieses Genre dann aber nach ihren Vorstellungen um

Mit Medienkritik meint Baacke die Fähigkeit, Medien in ihrer Struktur, Wirkung und Gestaltung zu durchschauen. So ist es dem Einzelnen möglich, Medieninhalte kritisch und vor dem
Hintergrund ethischer Grundhaltungen zu reflektieren und zu bewerten.
Beispiele bei Filmratz on Tour:
•    Die Kinder reflektieren moralische und rechtliche Fragen beim Filmdreh (Was sind Urheberrechte und wieso muss ich darauf Rücksicht nehmen? Was muss ich bei der Veröffentlichung beachten? Darf ich ein anderes Kind einfach so aufnehmen, obwohl es das gar nicht merkt? Ist die Botschaft meines Films moralisch vertretbar?)
•   Die Kinder beschäftigen sich beim Schnitt mit Manipulationsmöglichkeiten (z.B. Stopptrick, Effekte, Überblendungen)

Mit der Dimension Mediennutzung bezieht sich Baacke auf die bewusste Auswahl aus dem medialen Angebot vor dem Hintergrund eigener Interessen und Bedürfnisse. Weiterhin bedeutet es, technische Geräte als Mittel zur Kommunikation mit anderen einzusetzen, beispielsweise zur Interaktion in Chaträumen oder Internetforen.
Beispiele bei Filmratz on Tour:
•     Die Kinder nutzen das Medium Film, um sich mit Themen ihrer Wahl zu beschäftigen
•    Die Kinder nutzen bei Filmratz eine Online-Mindmap, um im Vorfeld ihre Ideen und Wünsche rund um die Freizeit einzubringen

Der Begriff der Mediengestaltung schließlich weist auf das kreative Erstellen eines medialen Produkts unter ästhetischen Gesichtspunkten hin. Dabei wird das Individuum in aktiver Selbsttätigkeit zum Produzenten, in der Regel innerhalb einer Gruppe.
Beispiele bei Filmratz on Tour:
•   Die Kinder gestalten bewusst ihren Film (Drehbuch, Ausgestaltung der Szenen und Dialoge, Wahl der Einstellungsgrößen und Perspektiven, Entscheidung für bestimmte Kameraeinstellungen, Montage des Films, Unterlegen passender Musik)
•    Die Kinder gestalten einen Blog, um ihre Eindrücke der Freizeit weiterzugeben
                                

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Wie wird auf die Erreichung des Ziels „Erwerb und Förderung von Medienkompetenz“ hingearbeitet?

Bei den Medienprojekten von Spielratz e.V. geht es darum, den Kindern einen aktiven Umgang mit Medien zu ermöglichen, bei dem sie eigene Erfahrungen machen und Medieninhalte kreativ gestalten können. Bei Filmratz handelt es sich daher um ein Angebot der aktiven Medienarbeit. Fred Schell benennt drei wesentliche Prinzipien aktiver Medienarbeit, die prägend für die medienpädagogische Arbeit bei Spielratz e.V. sind: handelndes Lernen, exemplarisches Lernen sowie Gruppenarbeit.

Handelndes Lernen
Das Prinzip des handelnden Lernens basiert darauf, dass die Kinder und Jugendlichen den Lernvorgang als ihren eigenen verstehen. Dazu beschäftigen sie sich mit Themen ihrer Lebenswelt und greifen ihre eigenen Interessen und Erfahrungen auf. Nach dem Prinzip „Learning by doing“ geht es um den Wissenserwerb durch eigenes Handeln.

Beim handelnden Lernen geht es nicht um das Erreichen eines vorher definierten Zielzustandes, sondern um die mit der Produktion verbundenen individuellen Lernprozesse und die interaktionistischen Prozesse in der Gruppe. Die Projektform ist dabei nach Schell das ideale Handlungsfeld für handelndes Lernen.

Als wesentliche Merkmale der Spielratz-Medienprojekte in Bezug auf Handelndes Lernen lassen sich festhalten:
•    Die bearbeiteten Themen werden von den Kindern und Jugendlichen selbst bestimmt. Sie können sich mit Interessen und Erlebnissen ihrer Lebenswelt auseinandersetzen.
•    Die Kinder und Jugendlichen sind keinem (Produktions-)Druck ausgesetzt, sondern bestimmen ihr eigenes Tempo und sind souverän über ihren eigenen (Lern-)Prozess.
•    Entscheidungssituationen in der Gruppe über das weitere Vorgehen erfordern das aktive Einbringen der Kinder und Jugendlichen.
•   Die Kinder und Jugendlichen verändern Realität, indem sie selbst Medienprodukte schaffen und eigene Standpunkte artikulieren und veröffentlichen

Exemplarisches Lernen
Bei diesem Prinzip aktiver Medienarbeit geht es zum einen um das Erkennen gesellschaftlicher Widersprüche, Konflikte und Missstände. Das eigene Thema wird dann nicht nur als einzelnes Problem wahrgenommen, sondern kann in seine gesellschaftlichen Zusammenhänge und die damit verbundenen Konflikte eingeordnet werden. Weiterhin geht es darum, die Kinder dazu anzuregen, ihre erworbenen Fähigkeiten auch abseits des Projekts in anderen Situationen für sich einsetzen.

Als wesentliche Merkmale der Spielratz-Medienprojekte in Bezug auf Exemplarisches Lernen lassen sich festhalten:
•    Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich mit Themen ihrer Lebenswelt, die konfliktbesetzt sind (z.B. Olympiade 2018, „Verdummung“ durch Trash-TV, Situation alleinerziehender Eltern) und hinterfragen diesbezüglich gesellschaftliche Hintergründe.
•   Die Kinder und Jugendlichen werden befähigt, im Anschluss an die Projekte eigenständig Medien aktiv für ihre Belange und Interessen einzusetzen.
•   In der Gruppe gemachte Erfahrungen (Diskussionen, Konflikte, Entscheidungsfindungen) und die hier entwickelten Lösungsstrategien fließen in den Alltag ein.

Gruppenarbeit
Gruppenarbeit ist die Grundlage dafür, dass sich der Einzelne entfalten und seine persönlichen Stärken zur Geltung bringen kann.
Entscheidend dafür ist jedoch ein herrschafts- und angstfreier Raum, in dem jedes Gruppenmitglied seine Hoffnungen, Ängste, Wünsche und Gefühle einbringen kann. Abhängigkeiten und Ungleichgewichte gilt es in der Gruppe zu besprechen, zu reflektieren und auf ihre Veränderung hinzuwirken. Die einzige Autorität liegt beim Prozess der Kommunikation. Jeder einzelne Arbeitsschritt wird in der Gruppe verhandelt und reflektiert. Alle Gruppenmitglieder – also auch die Betreuer/innen – verstehen sich als Lernende. Im Rahmen solidarischen Handelns an ihrer gemeinsamen Medienproduktion erfahren die Kinder und Jugendlichen weiterhin, dass sie gemeinsam ihre Lebenswelt und auch Gesellschaft verändern können.

Als wesentliche Merkmale der Spielratz-Medienprojekte in Bezug auf Gruppenarbeit lassen sich festhalten:
•    Gemeinsame Runden, in denen das weitere Vorgehen beschlossen wird
•    Die Betreuer/innen sind Ansprechpartner bei Fragen, bzw. moderieren Runden, in denen das gemeinsame Gruppengeschehen reflektiert wird (warum lief eure Gruppenrunde vorhin gut/nicht gut? Was ist wichtig, um Ergebnisse zu erzielen? Was ist wichtig, damit sich jeder einbringen kann? Wieso bestimmen immer nur einige wenige Kinder über das weitere Vorgehen?)
•    Demokratisches Grundstimmung (Abstimmungen, Feedback-Runden, jeder Beitrag ist erwünscht)
•    Die Gruppengröße wird so gewählt, dass es für alle Kinder genügend Beteiligungs-möglichkeiten gibt (entweder gemeinsame Großgruppe mit 12 Kindern oder Kleingruppen)

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Verwendete Literatur

Baacke, Dieter: Was ist Medienkompetenz?, in: Schell, Fred / Stolzenburg, Elke / Theunert, Helga (Hrsg.): Medienkompetenz. Grundlagen und pädagogisches Handeln, München 1999, 19-20

Hoffmann, Bernward: Medienpädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis, Stuttgart 2003

Schell, Fred: Aktive Medienarbeit mit Jugendlichen. Theorie und Praxis, München 2003, 4. Auflage

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