Wie schicke ich einen Filmratz auf Tour? 

Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist spannend und eine Herausforderung zugleich. Der Verein Spielratz e.V. aus München bietet medienpädagogische Projekte für Kinder mit und ohne Behinderung(en) an. 

„Klappe zu – Kamera läuft!“ … und schon geht es weiter bei einem der Medienprojekte von Spielratz e.V. Seit 1988 führt der anerkannte Träger der Kinder- und Jugendhilfe für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung(en) aus München pädagogische Ferien- und Freizeitaktionen durch. Das Repertoire des von Ehrenamtlichen gegründeten Vereins erstreckt sich über Stadtranderholungen bis zu Projekten mit erlebnispädagogischen, ökopädagogischen und medienpädagogischen Schwerpunkten.

Bei allen Projekten ist der Name des Vereins auch zugleich die Philosophie. Im Bayerischen handelt es sich nämlich bei einem Spielratz um einen Menschen, der vom Spiel nicht lassen kann, der im Spiel versinkt und sich auf spielerische Art und Weise die Welt erschließt.

Wichtiger Bestandteil dieser Philosophie sind die fast 100 jungen Menschen, die sich jedes Jahr ehrenamtlich auf den Projekten des Vereins engagieren. Sie begleiten die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen; erwecken zusammen mit ihnen spielerisch Projektideen und -mottos zum Leben und schaffen Rahmenbedingungen zur Erreichung der pädagogischen Zielsetzungen des Vereins:

  1. Wer kennt es nicht, im Spiel zu versinken, die Welt um sich herum zu vergessen, Spaß zu haben, in Spannung zu sein? Spielen zu dürfen, bedeutet für viele Erholung vom Alltag, von der Schule und dem damit verbundenen Stress, aber auch von Geschwistern oder auch Eltern. 
  2. Natürlich macht es mehr Spaß, auch an den Regeln mitwirken, auf Angebote einwirken und die Meinungen in den Entscheidungsprozess mit einfließen lassen zu können. Partizipation ist somit nicht nur ein Schlagwort, sondern ein immer wieder neu zu erforschender und zu öffnender Raum für die Belange und Wünsche der Kinder und Jugendlichen.
  3. Spielen bedeutet Entscheidungen zu treffen, mit wem, was und wie lange gespielt wird. Spielen ist somit Selbstbestimmung pur, jedoch nur sozialverträglich, wenn dabei die Selbstbestimmung des einen Kindes nicht zur Fremdbestimmung eines anderen Kindes führt. Und da der Selbstbestimmungsgrad unter den Kindern ungleich verteilt ist, ist solidarisches Handeln ein wichtiges Pendant zur Selbstbestimmung.
  4. Es ist normal verschieden zu sein und eine Ferienfreizeit ohne Kinder und Jugendliche mit Behinderung, ohne Kinder mit Migrationshintergrund oder ohne Kinder mit unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen und unterschiedlichem Geschlecht ist keine normale Ferienfreizeit. Ist nicht das Spiel eine Einladung an alle und eröffnet nicht das interessengeleitete Spiel auch neue Perspektiven?
  5. Medien jeglicher Couleur sind ein wichtiger Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Bei Spielratz e.V. werden sie zu Medienproduzenten. Dadurch wird auf spielerische Weise Medienkompetenz gefördert.

 Und was so ein Medienprojekt alles an Vorbereitung braucht, wie die Durchführung ablaufen kann, das folgt nun:

 

Projektvorbereitung:

Wie vor einer Urlaubsreise ist eine ganze Reihe an Vorbereitungen zu treffen, bevor es losgehen kann. Folgende Checkliste soll helfen, von den ersten Überlegungen bis zur Abfahrt an alles Notwendige zu denken:

A: Für wen und wie viele? Bestimmung der Zielgruppe

Für wen und für wie viele soll die Freizeit eigentlich sein? Schwierig zu beantworten, schließlich gilt es auch hier ein paar Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen gilt es zu überlegen, in welchem Altersegment die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Eltern ihren Kindern schon eine Freizeit mit Übernachtung zutrauen und erlauben. Unsere Erfahrung ist, dass dies für Kinder ab 9 Jahren häufiger zutrifft. Hat man das Eingangsalter festgelegt, geht es um die Festlegung der Alterspanne. Dabei sollte folgendes berücksichtigt werden. Je größer die Alterspanne ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich mehrere altersbezogene Gruppen herausbilden und sozialer Kontakt auf Gelegenheiten reduziert wird. Bei den von uns organisierten und durchgeführten Projekten in den letzten Jahren haben sich Alterspannen 9-12 , 10-13, 12-14, und 13-15 Jahre bewährt.

Alterspannen sind Richtwerte und sie sagen in der Regel nicht sehr viel über die kognitiv- intellektuelle und die emotionale Reife des Teilnehmenden aus. Aus diesem Grund ist ein guter Kontakt zu den Eltern schon im Vorfeld der Freizeit sehr wichtig. Dabei geht es zunächst darum, ob das Kind überhaupt Lust hat, einen Film zu produzieren, ob das Kind schon einmal ohne die Eltern weggefahren ist und wie es mit dieser Situation umgegangen ist. Bei Kindern mit Behinderungen sollte darüber hinaus noch genau differenziert werden, ob das Kind eine körperliche, kognitiv-intellektuelle oder seelische Behinderung hat. Je nach Behinderung (en) können dementsprechend die Altersangaben eventuell auch unberücksichtigt bleiben.

Bleibt noch die Frage – wie viele? Unsere Erfahrung ist, dass 12 Teilnehmende das Maximum sind. Falls die Freizeit für mehr geplant werden sollte, muss ernsthaft überlegt werden, ob dann ein Arbeiten in zwei Gruppen nicht die bessere Lösung für Alle ist.

B: Wie lange soll die Freizeit dauern?

Die Dauer der Freizeit hängt von verschiedenen Aspekten ab. Fährt man mit einer Jugendgruppe, die sich schon kennt und wo nach den Ferien noch regelmäßiger Kontakt besteht, so kann die Freizeit kürzer sein. Schließlich kann die Einführung in Kamera und Schnitt, die Rollenverteilung und auch der Schnitt noch in die Gruppenstunden gelegt werden. Bei einer Freizeit mit Kindern/Jugendlichen, die sich nicht kennen, bei welchen Schnitt und Kamera, Drehbuch etc... im Projektzeitraum abgeschlossen sein muss, sollten es unserer Erfahrung nach mindestens fünf Tage sein. Bei fünf Tagen müsste es jedoch schon ein Vortreffen mit den Teilnehmenden geben. Auch sollte den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben werden, sich schon vorab in die Drehbuchgestaltung einbringen zu können. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist zudem, was mit den Teilnehmenden gemacht werden soll. Ein Kurzfilm mit 5-10 Minuten ist in 5 Tagen machbar. Eine längere Dokumentation mit viel Rechercheaufwand braucht in der Regel auch mehr Zeit.

C: Suche nach einer geeigneten Unterkunft

Wann eine Unterkunft geeignet ist, hängt von den Teilnehmenden und auch von der Art des zu drehenden Films ab. Um allen Kindern und Jugendlichen eine Teilnahme am Projekt zu ermöglichen, ist Barrierefreiheit natürlich sehr wichtig. Auch sollten genügend Räumlichkeiten (mindestens zwei ) vorhanden sein, um gleichzeitig zum Dreh schon ungestört schneiden, die Requisiten herstellen zu können oder einen Aufenthaltsraum für die Teilnehmenden zu haben, die einfach nur spielen und sich ausruhen wollen.

Bei der Erstellung eines Films ist es darüber noch praktisch und sinnvoll, eine Unterkunft zu haben, in welcher die Nutzung des Internets für die Musiksuche, Erstellung von Blogs oder Recherchetätigkeiten möglich ist.  

Und zu guter letzt: Die Kinder und Jugendlichen haben Ferien und wollen sich erholen. Ein paar schöne Ausflugsziele in der Nähe (Schwimmbad, Klettergarten etc.) sind eine willkommene Abwechslung vom Dreh und schaffen neue Inspiration.

D: Finanzierung des Projektes

Die Frage der Finanzierung ist wichtig und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Medienprojekte sind materialaufwendig und somit in der Regel auch kostenintensiver wie andere Projekte. Ein Kostenplan für das Projekt ermöglicht eine Kalkulation der anfallenden Kosten sowie des Teilnahmebeitrages. Der Kostenplan beinhaltet auf der Ausgabenseite u.a. Kosten für die Unterkunft, Verpflegung, Fahrtkosten, Ausleihe Technik, Aufwandsentschädigung für die Betreuer/innen (falls vorgesehen), Versicherung der Teilnehmenden, Versicherung des geliehenen Equipment, Hygieneartikel, Eintritte, Materialkosten, Öffentlichkeitsarbeit, Büromaterial, Schulung der Betreuer/innen sowie eventuell Kosten für die Premierenfeier.

Auf der Einnahmenseite stehen in der Regel zunächst die Teilnahmebeiträge und eventuell noch Fördermittel. Wie hoch der Teilnahmebeitrag sein soll, hängt somit davon ab, wie hoch die Ausgaben sind, welche Fördermittel sicher sind und ob eine Finanzierungslücke von der Einrichtung oder den Eltern beglichen werden soll.

E: Ausschreibung des Ferienprojektes

Die Wege auf ein neues Projekt aufmerksam zu machen, sind vielfältig und hängen stark von den diesbezüglichen Ressourcen des Veranstalters aber auch von der Ziel- bzw. Altersgruppe ab. Deshalb hier nur ein paar Möglichkeiten, über welche die Bewerbung des Projektes erfolgen kann:

-          Internet (eigene Homepage, Portale für Ferien- und Jugendangebote)

-          per E-Mail an Kinder, die bereits an anderen Angeboten teilgenommen haben

-          über Jahresprogramm, Flyer, etc.

-          Pressemitteilung in den regionalen Medien

-          Aushänge in Jugendzentren, Jugendgruppen, Schulen, Horte

TIPP: Bei allen Veröffentlichungen sollte ganz klar benannt sein, an wen sich Interessenten wenden können!

TIPP: Falls Kinder und Jugendliche mit Behinderung an der Freizeit teilnehmen können, sollte dies auch in der Ausschreibung deutlich werden. Dies entspricht zwar mehr einem integrativen statt einem inklusiven Vorgehen. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass Eltern von Kindern mit Behinderung sich ansonsten nicht angesprochen fühlen.

F: Kontakt zu den Eltern

In der Regel vertrauen Eltern ihre Kinder fremden Personen an. Um diesem Vertrauen gerecht zu werden, ist der Elternkontakt enorm wichtig. Dieser umfasst zum einen die Beratung der Eltern, ob die Freizeit das Richtige für das Kind ist. Des weiteren sind Informationen über die Organisation (z.B. Abfahrts- und Ankunftszeiten, Daten zur Unterkunft), die Leistungen des Veranstalters (z.B. Rücktritt, Verpflegung etc.) und was alles mitgenommen werden und was zu Hause bleiben soll (Packliste) wichtig. Dies sollte am besten schriftlich dokumentiert sein und den Eltern gegen Unterschrift ausgehändigt werden.

Auf der anderen Seite ist es für jeden Veranstalter wichtig, Informationen über die Teilnehmenden zu erhalten. Dies kann über einen sogenannten Personenbogen erfüllt werden, den die Erziehungsberechtigten im Rahmen der Anmeldung ausfüllen und unterschreiben. Folgende Informationen sind unseres Erachtens sehr wichtig:

-          Name, Vorname des Teilnehmenden

-          Anschrift und Telefonnummer

-          Informationen über Allergien

-          Krankenversicherung, Name und Geburtstag des Versicherungsnehmers

-          Erlaubnis der Teilnahme

-          Informationen über etwaige Medikamenteneinnahme

-          Telefonnummer des Hausarztes

-          Einverständnis zur Mitfahrt in einem Kleinbus, falls der Transfer mit von Betreuer/innen gefahrenen Kleinbussen bewerkstelligt wird

-          Bestätigung des Erhaltes des Informationsunterlagen

Wenn diese beiden Dinge erledigt sind, kann als zusätzliche vertrauensbildende Maßnahme noch ein Eltern- und Kinderinformationsabend angeboten werden. Dieser bietet die Möglichkeit, die Eltern noch einmal über wichtige Aspekte zu informieren, gegenseitiges Kennen lernen zu fördern und sich schon einmal auf die Freizeit einzustimmen.

G: Equipment

Bei einem Medienprojekt ist das technische Equipment natürlich besonders wichtig. Soll ein Videofilm produziert werden, ist folgendes Equipment unseres Erachtens unabdingbar:

-          Technik zum Filmen: zwei Videokameras, zwei Stative mit Klemmplatte, Mikrofone (2x Richtrohr, 1x Kugelmikrofon), Tonangel, Akkus und Ladegeräte, Kopfhörer, evtl. Monitor und Lichtkoffer

-          Notwendige Kabel: FireWire-Kabel, Mikrofonkabel, evtl. Chinchkabel

-          Mini-DV-Kassetten (+ eine Reinigungskassette) oder SD-Card

-          Digitalkamera

-          Laptop mit kindgerechter Schnittsoftware

-          Check eigener Technik (wenn vorhanden)

-          Ausleihe zusätzlicher Technik (z.B. bei Medienzentren, offenen Kanälen)

TIPP: Freeware Schnittsoftware wie Windows Movie Maker ist allenfalls für sehr kurze Filme geeignet. Brauchbare und kindgerechte Schnittsoftware können in einem Preissegment ab 50 Euro gekauft werden.

H: Betreuer/innen und Schulung

Medienprojekte sind personell aufwendig. Schließlich brauchen die Teilnehmenden in der Regel noch vielfältige Unterstützung und Anleitung. Hinzu kommt, dass eventuell der ein oder andere Teilnehmende Unterstützung bei der Verrichtung alltäglicher Dinge benötigt. Um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, die Aufsichtspflicht gewahrt wird und alle Beteiligten auch Spaß haben, empfehlen wir einen Betreuungsschlüssel von 1:2 bzw. 1:3. Das bedeutet natürlich Betreuer/innen zu finden, die Zeit, Spaß und Interesse an Medienarbeit haben und bereit sind, sich hierfür auch schulen zu lassen. Für die Schulung erachten wir folgende Inhalte aus unabdingbare Voraussetzung:

-          Umgang mit Kamera und Schnittprogramm

-          Mediale Gestaltungsmittel

-          (medien-)pädagogische Zielsetzungen

-          Planung der Freizeit (u.a. Informationen zu den teilnehmenden Kindern, Abendprogramm, Absprachen, Einkauf, Verpflegung)

-          Aufsichtspflicht

-          Was tun, wenn es weh tut

I: Versicherungen

Wir empfehlen den Abschluss einer Unfall- und Haftpflichtversicherung für alle Teilnehmenden und Betreuer/innen. Zudem ist bei einer Freizeit mit Übernachtung noch eine Versicherung für den Fall der Insolvenz gesetzlich vorgeschrieben.

Natürlich sollten auch die Gegenstände, die ausgeliehen werden, noch zusätzlich versichert werden.

J: Premierenfeier organisieren

Das Schöne an Medienarbeit ist, dass etwas entsteht und dies feierlich präsentiert werden kann. Hierfür ist eine – wie bei anderen Filmproduktionen auch – Premierenfeier ein geeigneter Raum. Hierzu werden alle Teilnehmenden, Eltern, Freunde und Bekannte eingeladen, um den produzierten Film erstmalig vorzuführen. Und damit die Premiere auch einen feierlichen Rahmen erhält, können die Eltern gebeten werden, Snacks und andere Leckereien mitzubringen. Wo die Feier stattfindet – ob im Jugendzentrum, in den Büroräumen oder im Pfarrsaal – bleibt jedem selbst überlassen. Vorhanden sein muss auf jeden Fall:

-          Beamer,

-          Leinwand,

-          Boxen,

-          Audiochinchkabel,

-          DVD-Player/Laptop,

-          Kabeltrommel

Ist die Vorbereitung abgeschlossen, kann es endlich an die Projektdurchführung gehen. Wie das ablaufen kann, zeigt ein Beispiel aus den letzten Herbstferien.

Projektdurchführung

IDEENFINDUNG und Vortreffen:

Die Vorfreude bei den teilnehmenden Kindern war riesig. Viele hatten schon Bilder im Kopf, wie die Handlung des Films aussehen könnte, oder hatten Erwartungen und Wünsche zum Ablauf der Freizeit. Diese Ideen und Vorstellungen sammelten wir mithilfe eines Online-Mindmaps. Die Kinder konnten hier alles eintragen, was ihnen zu Filmratz einfiel: Vorschläge zum Filmgenre, Überlegungen für das Schauspielern, Essenswünsche, mögliche Abendgestaltungen und und und!

Nicht jede Idee des Mindmaps kann oder muss automatisch umgesetzt werden. Viele Kinder äußerten beispielsweise den Wunsch, während der Freizeit gemeinsam DVDs zu schauen. Beim ersten gemeinsamen Treffen wurde ihnen verdeutlicht, dass es bei Filmratz aber vielmehr darum geht, selbst einen Film zu produzieren. Die Kinder sollten ihren Film nicht mit professionellen Produktionen vergleichen oder sich womöglich in ihren Ideen und ihrer Kreativität beeinflussen lassen. Diese Erklärung war für die Teilnehmenden nachvollziehbar und transparent.

 Tipp Mindmap:

Keine Sorge, ein Mindmap übers Internet erstellen ist gar nicht schwer! Es gibt diverse, häufig kostenlose Web2.0-Angebote, bei denen die Teilnehmenden leicht eigene Ideen einbringen und die Vorschläge der Anderen weiterentwickeln können. Entscheidend ist, den Kindern per E-Mail eine kurze Einführung zu geben, was ein Mindmap ist, was damit bezweckt wird (Ideensammlung; Möglichkeit, bei der Gestaltung der Freizeit mitzumachen) und wie es funktioniert. Damit sich nicht jede/r einzeln anmelden muss und der Zugang so einfach wie möglich ist, gibt es einen Benutzername und ein Passwort, die für alle gültig sind.

Bei einem Vortreffen drei Tage vor Projektbeginn fanden Kinder und Ehrenamtliche von Spielratz das erste Mal zusammen. Nach kurzen Kennenlernspielen schilderten die Teilnehmenden, in welcher Rolle sie sich bei der Filmproduktion sehen: als Kameramann/-frau, Schauspieler/in, Bühnenbilder/in, Tontechniker/in … Anschließend wurde das Mindmap aufgegriffen und damit die Frage, welche Filmgenres es gibt. Nachdem sich die Gruppe entschieden hatte, einen Krimi zu produzieren, tüftelten sie in der zweiten Hälfte des Vortreffens eine grobe Handlung aus. Hauptfigur sollte ein alter Mann sein, der auf seinem Landwesen umgebracht wird. Für den Mord kommen sowohl die Familienangehörigen als auch die Angestellten in Frage. Für den Kommissar beginnt ein schwerer Fall. Bis zum Beginn der Freizeit konnten noch alle zu Hause nach passenden Kostümen suchen und sich überlegen, welchen Charakter sie spielen wollen.

SPIELERISCHER EINSTIEG:

Der erste Tag diente erst einmal der Eingewöhnung und dem Ankommen. Nach der Ankunft in Gosselding hatten die Teilnehmenden Zeit, sich das Jugendhaus anzuschauen und die Zimmer zu beziehen. Für einen ersten Einblick in die Funktionen der Videokamera bildeten sich am Nachmittag zwei Kleingruppen. Bei der Technikeinführung hat sich folgender spielerischer Zugang bewährt. Alle Geräte aus der Kameratasche werden auf den Tisch gelegt. Die Kinder können sie nun der Reihe nach benennen und ihre Funktion erklären: „Ein Mikrofon – damit kann man Stimmen aufnehmen!“, „Eine Kassette – da spielen wir unsere Aufnahmen drauf!“ etc. Häufig haben sie eine Ahnung, wofür ein bestimmtes Gerät gedacht ist. Nur beim Namen hapert es dann. In diesem Fall stehen die Betreuer/innen unterstützend zu Seite.

Spielerisch geht es weiter: nach dem gemeinsamen Aufbau der Videokamera samt Equipment kann nun jede/r einmal in die verschiedenen Rollen beim Film schlüpfen (Kameramann/-frau, Tonkontrolleur/in, Schauspieler/in, Moderator/in, etc.). Hierbei erfahren die Teilnehmenden, dass die Aufnahmen ohne angemessen lauten und deutlichen Ton nicht zu gebrauchen sind, dass sie mit Stativ verwackelte Bilder vermeiden, wie sie die Kamera einstellen, wenn sie eine sprechende Person fokussieren, oder dass sie mit geschlossenen Fragen in der Regel nur knappe Antworten erhalten. Das anschließende Anschauen der Aufnahmen dient dem Spaß aller Beteiligten, aber auch der kritischen Auswertung.

Tipp erste Filmübungen:

Im ersten Schritt ist es für die Kinder erst einmal faszinierend, was man mit der Kamera alles anstellen kann. Wie sieht es aus, wenn ich eine Person ganz nah heranzoome? Wie schwenke ich von einer Seite des Raums zur anderen? Wie hört sich meine Stimme auf Band an? Nach dieser lockeren Experimentierphase, bei der jede/r einmal vor oder an der Kamera herumprobieren darf, bieten sich die ersten zielgerichteten Übungen an. Eine Möglichkeit ist, dass sich jede/r einen Platz im Raum oder auf dem Gelände sucht, an dem sie/er sich kurz vorstellt und etwas Lustiges über sich erzählt. Durch diese kurzen Vorstellungen lernen sich alle noch näher kennen und proben schon einmal den Ablauf eines zielgerichteten Drehs. Die Teilnehmenden sind dabei gefordert, erste Überlegungen zur Umsetzung anzustellen: Welchen Bildausschnitt und welche Einstellungsgröße wähle ich als Kamerafrau/-mann? Ist die gewählte Kulisse für den Zuschauer ansprechend? Die entstandenen Aufnahmen eignen sich übrigens hervorragend für den Abspann oder ein Making-Of.

Den Abschluss des ersten Tages bildete das Spiel „Activity“. Zwei Betreuer/innen hatten dafür im Vorfeld ca. 50 Begriffe vorbereitet, die teilweise mit der Filmproduktion zu tun haben. „Tatort“, „Drehbuch“ und „Stativ“, aber auch Begriffe wie „verliebt“ oder „Spielratz“ wurden per Pantomime, Zeichnung oder Beschreibung dargestellt und mussten erraten werden.

 

BESPRECHUNGSRUNDEN:

„Können wir nicht sofort anfangen zu filmen?“ Anfangs haben Kinder kaum eine Vorstellung davon, wie aufwändig ein Film sein kann. Doch ohne gründliche Vorbereitung im Vorfeld kommt man nicht weit: Steht das Drehbuch meines Films schon? Welche Kulissen stehen uns zur Verfügung? Was sind die wichtigsten Kernaussagen der nächsten zu drehenden Szene? Ein Beispiel dazu aus unserem Film: die Köchin wurde vom Hausherrn immer angeschrien, daher hatte sie ein Motiv, den alten Mann umzubringen. Doch wie verdeutlicht man nun diese Kernaussage dem Zuschauer im Film? Durch einen handfesten Streit? Durch einen bösen Blick der Köchin, den die Kamera aus einer nahen Einstellung einfängt? Oder später durch düstere Musik, die beim Schnitt unter die Szene gelegt wird?

An diesen exemplarischen Fragestellungen wird schon deutlich, wie komplex Filmarbeit ist. Den Teilnehmenden wurde daher von Anfang an verdeutlicht, dass die Planung nicht nur lästiges Beiwerk ist, sondern elementarer Bestandteil des Films. Um die Kinder nicht zu überfordern, haben wir beispielsweise für die Drehbucharbeit zwei Besprechungsrunden durchgeführt. Die Rahmenhandlung des Films wurde schon beim Vortreffen festgelegt. Detaillierter wurde sie dann am zweiten Tag der „Filmratz“- Freizeit ausgearbeitet.

Die gemeinsamen Runden mit allen boten sich aber auch an, um das Miteinander in der Filmratz-Gruppe zu thematisieren. Gleich am ersten Tag formulierten die Teilnehmenden beispielsweise Regeln für das Zusammenleben und die Filmarbeit, die an einer Flipchart festgehalten wurden.

Ziel aller Besprechungsrunden war es, jeden einzelnen an der Lösungsfindung zu beteiligen und somit Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen.

FILMARBEIT:

Am Nachmittag des zweiten Tages sollte es also richtig losgehen! Fünf oder sechs Kinder bildeten eine Kleingruppe, um eine der Filmsequenzen (z.B. die Ankunft des alten Mannes auf seinem Anwesen) zu filmen. Nach einer kurzen Vorbesprechung zum Ablauf und zum Aussagewert der Szene begab sich die Gruppe zum Drehort. Bis zur Aufnahme wurden noch diverse Vorbereitungen getroffen. Mithilfe der Betreuer/innen überlegte das Kamerakind, welche Einstellungsgrößen es für die Aufnahmen verwendet, ob die Lichtverhältnisse einen Weißabgleich erfordern und ob der Bildhintergrund ansprechend ist. Die Schauspieler/innen machten sich währenddessen darüber Gedanken, wie sie miteinander interagieren und wie die Dialoge ablaufen. Die/der Tontechniker/in testete, mit dem Mikrofon nicht im Bild und trotzdem möglichst nah am Geschehen zu sein. Ein Kind beschriftete die Filmklappe mit der aktuellen Szene. Und dann geht’s los … „Klappe die erste – UND ACTION!“

Bis eine Aufnahme dann allerdings im Kasten ist, kann es schon einmal drei oder vier Versuche dauern. Hier gilt es, mit den Kindern Kriterien zu entwickeln, wonach sie die Qualität einer Aufnahme beurteilen. War der Ton laut genug? Haben die Schauspieler in die Kamera geschaut? Kam ihr Text authentisch rüber?

Nach dem Dreh der ersten Szenen schauten wir am Nachmittag des dritten Tages unsere bisherigen Aufnahmen auf dem Fernseher (per Chinchkabel) an. Lustige Versprecher oder Pannen sorgten für einiges Gelächter. An anderen Stellen diskutierte die Gruppe bereits darüber, welcher Take der beste war.

SCHNITT UND FERTIGSTELLUNG

An den letzten beiden Tagen in Gosselding wurde parallel zu den noch ausstehenden Aufnahmen mit dem Schnitt begonnen. In der Regel schnitten drei bis vier Kinder mit einem/r Betreuer/in. Nach einer kurzen Erklärung hatte ein Großteil der Kinder keine Schwierigkeiten, das Schnittprogramm selbst zu bedienen. Zu diesem Zweck hatten wir bewusst im Vorfeld eine kostenlose Software ausgesucht, das sich die Kinder auch zu Hause runterladen können. Von Nachteil war allerdings später, dass es mit der Größe des Films (ca. 17 Minuten) überfordert war und die Bildqualität zu wünschen ließ. Für das nächste Filmratz-Projekt ist hier ein professionelleres Programm angedacht.

Nach fünf Tagen war unser Aufenthalt in Gosselding zu Ende. Einen Tag später traf sich die Gruppe noch ein weiteres Mal, um den Schnitt fortzusetzen. Die Feinheiten, die nicht geschafft wurden (z.B. Übergänge erstellen, Ton in allen Passagen angleichen), erledigte im Anschluss ein Betreuer. Die Kinder konnten sich ein letztes Mal an der Gestaltung des Films beteiligen, indem sie von Hause aus passende Filmmusik über ein Online-Portal ausfindig machten und an das Betreuerteam weiterleiteten.

Tipp Musiksuche:

Ein Großteil der Musik ist kommerziell und urheberrechtlich geschützt. Ihre Verwendung kostet Geld und muss im ersten Schritt mit den Lizenzinhabern (in der Regel Musikverlage) geklärt werden. Später kommt noch die GEMA dazu, wenn es um die Verwertung des Films – Ausstrahlung bei Wettbewerben, öffentliche Präsentationen – geht.

Daher ist es wichtig, auf ein Musikarchiv mit freien Stücken zurückzugreifen. Für die Kinder wiederum ist es ein anschauliches Beispiel, dass Medien neben ihren großen Möglichkeiten auch Fallstricke bergen.

 

PREMIERENFEIER:

Den Abschluss unserer Filmratz-Freizeit bildete eine Premierenfeier, zu der die Kinder sowie ihre Eltern und Freunde eingeladen wurden. Vor und nach dem Film bot sich die Möglichkeit zum Austausch am Buffet, für das Eltern Salate und Snacks mitgebracht hatten. Im Anschluss bekam jede/r Teilnehmer/in eine eigene Kopie des Films zugeschickt.

Der Artikel und sämtliche Rechte daran unterliegen dem Urheberrecht: (c) Spielratz e.V./Matthias Pfleger/Georg Staudacher 

 

Zu den Autoren:

Matthias Pfleger arbeitet seit August 2009 bei Spielratz e.V. als pädagogische Fachkraft und ist für die medienpädagogischen Projekte des Vereins zuständig. In den Jahren zuvor hat er schon mehrere verschiedene Medienprojekte mit Kindern durchgeführt.

Georg Staudacher arbeitet seit November 2003 als Geschäftsführer bei Spielratz e.V und war in den Jahren 2004 bis 2006 für die Medienprojekte des Vereins zuständig.

Kontakt:

Spielratz e.V. – Verein für pädagogische Ferien- und Freizeitaktionen

Auerfeldstraße 27

81541 München

www.spielratz.org

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Tel. 089/ 48 48 98

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